Das Lonza-Hochhaus (1960/1962)

Leuchtturm der Nachkriegsmoderne

Wer Basel in den frühen 1960er-Jahren von Osten her erreichte, konnte leicht den Eindruck gewinnen, in einem urbanen Zentrum gelandet zu sein. Aus dem Zug- oder Autofenster waren nicht etwa die klassischen Sehenswürdigkeiten wie Münster, Rathaus oder Spalentor zu sehen, sondern das Lonza-Hochhaus, mit seinen 68 Metern damals das höchste Gebäude der Schweiz. Die Architekturkritik ist sich heute weitgehend darin einig, dass das Hochhaus, 1960/1962 von Suter + Suter erbaut, ein architektonischer Wurf ist. Für die Basler Zeitung repräsentiert es zum Beispiel die «mondäne Eleganz der frühen 1960er-Jahre» (Patrick Marcolli am 28.04.2011). Auch die Regierung trug seiner Qualität Rechnung und nahm es 2022 ins kantonale Denkmal­ver­zeich­nis auf. Das Hochhaus sei “ein materielles Geschichtszeugnis und stellt wegen seines hohen architekturhistorischen und städtebaulichen Zeugniswerts ein Baudenkmal dar”.

Das Lonza-Hochhaus 1962.
Abb. 1: Das Lonza-Hochhaus 1962.

Der gnadenlose Volksmund verlieh ihm zwar den Spitznamen “Rasierapparat”. Im Vergleich zu anderen Spitznamen für auffällige Bauwerke kam es aber glimpflich davon. Gedenken wir eine Minute des armen “Rostbalkens“. Das Postbetriebsgebäude am Bahnhof wurde in den 1970er-Jahren vom selben Basler Architekturbüro gebaut und muss bis heute viel Häme über sich ergehen lassen.

Voll klimatisiert und mit Regenschutz

Das Lonza-Hochhaus ist proportional zu seiner Höhe äusserst schlank – 45 Meter Länge, 15 Meter Breite – und sein Grundriss sechseckig. Es ist aus Eisenbeton gefertigt, die Verkleidung besteht aus gerippten Aluminiumplatten. Architekt Hans-Rudolf Suter schreibt im Basler Volks­blatt gleich selber über das Werk seines Büros. Stolz weist er darauf hin, dass es vollklimatisiert sei, und dass als Wär­meisolationsmaterial ein Produkt der Lonza namens Airex verwendet worden sei – unsereins denkt dabei an die gleichnamigen Yogamatten aus Schaumstoff. Ausser der Wär­me­­isolation, so Suter, habe dieses neue Material zusätzlich die “Funktion eines Regenmantels” (Basler Volksblatt, 29. November 1962). Vorbild für den hochmodernen Firmensitz an der Mün­chen­steinerstrasse war das Pirelli-Hochhaus in Mailand, 1958 von Giò Ponti und Pier Luigi Nervi erbaut. Mit seinen 127 Metern fast doppelt so hoch wie das Basler Nachgeborene und damals das höchste Bauwerk Europas.

Pirelli-Haus.
Abb. 2: Pirelli-Hochhaus, Mailand (Gio Ponti und Pier Luigi Nervi, 1958–1960).

Verdichtung und Wahrzeichen

Es waren die 1960er-Jahre, die Wirtschaft kam ins Rollen. Eine rege Bautätigkeit entfaltete sich und die Städte wuchsen – auch in die Höhe. Hochhäuser kannte Basel schon länger. Bereits 1928 wurde das Turmhaus am Aeschenplatz gebaut. 1951 wurden mit den drei Entenweid-Hoch­häusern neue Akzente gesetzt, notabene auf Initiative einer Wohngenossenschaft. Basel war pikiert. Auch namhafte Architekten wie Hans Bernoulli redeten das Projekt in Grund und Boden, ungeachtet der Tatsache, dass durch das Bauen in die Höhe Grünflächen gesichert werden konnten.

Zehn Jahre später scheint der Unmut der Einsicht gewichen zu sein, dass einer wachsenden Stadt in engen Verhältnissen nichts anderes übrigbleibt, als zu verdichten. Das Fundament für den Bau des Lonza-Hochhauses legte das frisch erlassene Hochhausgesetz. “Durch eine starke Konzen­tration der auf einer Parzelle gestatteten normalen zonenmässigen Bebauung soll eine Auflocke­rung des Strassenbildes erreicht werden.” Der Rest des Areals wurde parkartig gestaltet. Neben Betriebswohnungen fanden dort auch firmeneigene Park- und Tennisplätze ihren Platz.

Kokettierend schreibt Architekt Hans Rudolf Suter in der Rezension seines eigenen Werks:
“Sicher, wenn wir heute vor einem riesigen Baukörper stehen, wie es derjenige der Lonza AG ist, möchten wir uns beinahe auch fragen: ‹Haben das Menschenhände zustande gebracht?› – Natürlich: Nicht die Hybris der Babylonier, nicht die Gottesfurcht des mittelalterlichen Christen spornt den Menschen heute an, seine Erdgebundenheit zu überwinden. Es sind die Platznot und die Integration der Industrie, welche in die Höhe drängen und beginnen, auch den Profanbau ins Wahrzeichenhafte, mythisch zu steigern.” (Basler Volksblatt, 29. November 1962)

Hoch – höher – am höchsten

So ein Wahrzeichen musste man sich leisten können. Die Lonza konnte das. Die Geschichte des Unternehmens liest sich wie ein kleines Wirtschaftswunder. Gegründet wurde es 1897 im Wallis zum Bau und Betrieb von Wasserkraftwerken. Mit dem Strom stellte man Brennstoff für Karbid­lampen und dann Dünger her. Firmenleitung und Kapitalbasis waren in Basel. Früh schon grün­dete die Lonza Tochtergesellschaften und expandierte ins Ausland, unter anderem mit Fabriken in Waldshut (1913) und Weil am Rhein (1928). In den 1950er-Jahren erweiterte das Unternehmen sein Angebot um Kunststoffe und Feinchemikalien, auch die Produktionsanlagen wurden moder­nisiert. Man wuchs und wuchs, mit dem Neubau in Basel auch buchstäblich in die Höhe.

Und die beauftragten Architekten wuchsen mit. Das Basler Büro Suter + Suter profitierte vom Bauboom in der Hochkonjunktur. Man plante, baute, erweiterte, baute um: markante Industrie- und Verwaltungsbauten in der Schweiz und darüber hinaus. In den 1960er-Jahren errichteten Suter + Suter viele Gebäude der Ciba-Geigy AG (zum Beispiel das Biologie-Hochhaus, 1966–1969). Hochhäuser waren im Trend. Da wollte sich ein anderer florierender Player auf dem Schwei­zer Wirtschaftsplatz nicht lumpen lassen. Von 1962 bis 1966 bauten Suter + Suter für die Gebrüder Sulzer AG das Hochhaus in Winterthur. Und aus war es mit Basels Spitzenposition als Schwei­zer Stadt mit dem höchsten Gebäude. Das Sulzer Hochhaus mass 92 Meter und hielt seinen Rekord bis 2003. Dann kam der Basler Messeturm und stiess es vom Sockel.

Bürohochhaus der Gebrüder Sulzer AG.
Abb. 3: Bürohochhaus der Gebrüder Sulzer AG, Winterthur, 1962–1966.

Suter + Suter sind nicht mehr. Die Lonza hingegen schreibt weiterhin Wirtschaftsgeschichte. Sie entwickelt sich auch architektonisch, im Wallis wie in Basel. Kurz vor den Sommerferien hat der Basler Regierungsrat dem Bebauungsplan von Lonza für zwei weitere Türme zugestimmt. Darin sollen Büros und Wohnungen angeboten werden und aus dem Areal ein «nutzungsdurchmischter und öffentlich zugänglicher Quartierbaustein» werden. Ein Turm bleibt in Basel selten allein. Allerdings werden die neuen Türme das Hochhaus von 1962 nicht in den Schatten stellen. Sie werden gleich hoch sein. 68 Meter. Insofern zieht man den Hut vor der “mondänen Eleganz” des Vorfahren.

Wer sich detaillierter mit Suter + Suter, ihrer Bautätigkeit und einem aufschlussreichen Stück Architekturgeschichte auseinandersetzen will, findet im Schweizerischen Wirtschaftsarchiv einen wahren Schatz. Dorthin wurde das Firmenarchiv von Suter + Suter nach der Liquidation des Unternehmens 1995 übergeben. Im Archiv befinden sich rund 8’000 Fotografien seiner Bauten einschliesslich Unterlagen wie Pläne, Unternehmerlisten und Korrespondenz. Um das Archiv für die Nachwelt zu sichern und ortsunabhängig der Forschung und Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, wird es derzeit digitalisiert. Ziel ist es auch, möglichst viele Fotos zu publizieren, sofern die Rechtinhaber*innen einverstanden sind.

Mit Dank an Martin Lüpold für die tollen Hinweise.

Quellen

Abbildungen

Abb. 1: Bild: Hago von Kalckreuth (Schweizerisches Wirtschaftsarchiv, SWA PA 510 D 75/1), CC-BY-SA 4.0

Abb. 2: Bild: 0000ffMilano-Pirelli-Hochhaus-1960CC BY-SA 3.0 DE

Abb. 3: Bild: unbekannt (Schweizerisches Wirtschaftsarchiv, SWA PA 510 D 84/1), CC-BY-SA 4.0

Autor*in

Nathalie Baumann